Die Chinesin Xiaoya Wolf vermittelt Patienten aus Fernost mit europäischen Medizinangeboten.
Wolfenbüttel. Mit einer ungewöhnlichen Geschäftsidee startete vor einiger Zeit Xiaoya Wolf in die Selbständigkeit. Die Chinesin sah eine Möglichkeit, die gut ausgebildete Medizinversorgung in Mitteleuropa mit finanzkräftigen Kunden in ihrer Heimat zu verknüpfen – diese Vermittlung lässt sie sich teils von den Patienten, teils von den Kliniken bezahlen.
"Ich biete ein Rundum-Sorglos-Paket an", schildert die 36-Jährige. Damit meint sie, dass sie einerseits die zu einer bestehenden Krankeit passenden Mediziner oder Kurkliniken sucht. Darüber hinaus gehören auch die richtige Flugverbindung und der entsprechende Shuttle dazu. "Außerdem kümmere ich mich natürlich um die Buchung von Hotelzimmern und dergleichen."
Ursprünglich studierte die zierliche Frau Chemie an der Tsinghua Universität in Peking und schloss mit einem Diplom ab. Ein Master an der Fordham Business-School in New York sollte anschließend Kontakte bringen. "Internationalität ist wichtig. Man muss sich vernetzen und sehen, was in der Welt passiert."
Aus familiären Gründen zog sie nach Wolfenbüttel. Und hier setzte Xiaoya Wolf endlich ihre Idee in die Tat um und gründete die Firma Anricon Health. "In China ist die Gesundheitsvorsorge recht gut", erzählt sie. "Das Thema wurde schon vor einiger Zeit von der Regierung sehr gepusht." Dabei gehe es aber vor allem um die Versorgung der breiten Masse – mit den am meisten verbreiteten Zipperlein. " Wer an einer komplexen Erkrankung leidet und Zugang zu international führenden Spezialisten sucht, orientiert sich häufig an medizinischen Zentren in Europa oder den USA."
Als Grund führt die Unternehmerin an, dass hierzulande die Forschung und Entwicklung von Medikamenten einen guten Ruf genieße. "Und es gibt auch bekannte Ärzte und Verfahren, die sich bis nach China herumgesprochen haben." Wohlhabende Kunden würden zum Beispiel gerne in Kliniken nach Deutschland oder in die Schweiz fliegen, um dort hochwertige medizinische Behandlungen oder moderne Longevity-Programme in Anspruch zu nehmen."Auch die Vorstufe, also die Beratung im digitalen Meeting, wird online sehr gern gebucht."
Die hiesigen Wirkstoffe gegen Stress seien sehr populär in China. "Meine Landsleute möchten ihren Körper vitalisieren lassen und buchen dafür gern entsprechende Infusionen." Auf diesem Gebiet gebe es zwar eine große Konkurrenz in China und Fernost. "Die größere Erfahrung haben aber Kliniken in der Schweiz und Deutschland." Konsequenterweise hat sie mittlerweile Geschäftskontakte zu diesen Kliniken geknüpft: "Ich arbeite mit mehreren Häusern am Genfer See zusammen, außerdem mit Kliniken bei München und in Baden-Baden." Durchweg hochpreisige Locations also, deren Ruf sogar in Fernost einen guten Klang hat. "Meine Kunden legen Wert auf eine gewisse Tradition", betont die 36-Jährige. "Da hilft es durchaus, wenn sich in der Klinik bereits bekannte Persönlichkeiten aufgehalten haben."
Seit anderthalb Jahren arbeitet sie nun am Markt, schaltet Anzeigen und wirbt auf allen Kanälen. "Inzwischen zahlt sich die Mühe aus", berichtet sie. "Es vergeht kein Tag ohne eine Kundenanfrage." Nach ihrer Erfahrung war sie eine der ersten auf diesem vielversprechenden Markt. "Hier in Europa ist es noch nicht so verbreitet, Patienten zu importieren – in Japan oder den USA sieht das schon ganz anders aus." Für Deutschland erwartet sie gewaltige Wachstumspotenziale: "In der Orthopädie und der Augenbehandlung ist die Medizin hier führend, und auch zu einer Therapie nach Krebsdiagnose würde ich viele Menschen nach Europa bringen können."
Dabei wären es keineswegs nur Millionäre, die als Zielgruppe in Frage kommen. "Solche Leute sind natürlich auch mal dabei. Der Großteil aber entstammt der Mittelklasse – ihre Gesundheit lassen sie sich aber gern was kosten."
Die Ansiedlung ihrer Firma Anricon Health am Exer, wo sie ein Büro im Technischen Innovationszentrum Wolfenbüttel (TIW) angemietet hat, ist für sie ein Glücksgriff. "Das TIW bietet für uns als internationales Unternehmen ein sehr angenehmes und professionelles Arbeitsumfeld", lobt sie ihren ersten Vermieter als Firmenchefin. Die offene Atmosphäre und das Netzwerk vor Ort unterstützten nicht nur den täglichen Austausch, sondern förderten auch neue Ideen und Entwicklungsmöglichkeiten. "Wir fühlen uns hier sehr gut aufgehoben."
Carola Weitner-Kehl, die Geschäftsführerin des TIW, freut sich ebenfalls über die Ansiedlung. "Diese mutige und international agierende Gründerin belegt nunmehr den letzten freien Büroraum unserer Gründergemeinschaft in der obersten Etage des Bürogebäudes AE 10." Die Initiative der Chinesin versteht sie auch als wichtigen Impuls: "Es ist immer noch selten und umso lobenswerter, dass sich eine Frau mit einer offensichtlich innovativen Idee hier in Wolfenbüttel selbständig macht."
Übrigens leitet sich der Firmenname Anricon aus dem Chinesischen ab vom Wort Anruikang. "Das steht für Sicherheit, Gesundheit und Glück", sagt die Unternehmerin. "Also allesamt Werte, die auch unsere Arbeit im internationalen Gesundheitswesen prägen."


